Himmelstor

Adrian Osswald • 15. November 2024
Liebe Leserin, lieber Leser
Du musst wissen, dass ich mich gerne drücke, wenn es darum geht, mich ins Licht zu stellen und das zu übernehmen, wofür ich hier zu sein scheine. Ich leide darunter, angegriffen zu werden, wäre viel lieber von jedermann geliebt, möchte es lieber allen recht machen. Jemand, der sein Licht nicht mutlos unter einen Scheffel stellt - wie mal geschrieben stand - bietet Fläche für Projektionen jeglicher Art. Und all diese Projektionen, ob "gute" oder "schlechte", sind ausnahmslos eine Belastung; die für mich schlimmste Projektion wäre wohl meine Erhebung zu dem was ich bin: Schamane. Denn was ein Schamane alles zu sein hat, ist eine Projektion des jeweiligen Betrachters. Soweit ich weiss, sind Schamanen und Schamaninnen in erster Linie aber alle ganz bestimmt etwas: Menschen aus Fleisch und Blut. 
Meine Erzählungen sind darum immer persönlich geprägt, weil ich es war, die sie erlebt hat. Trotzdem gehen meine Wahrnehmungen über die psychologische Grenze hinweg, es ist auf diese unsere westliche Sichtweise nicht alles erklärbar. Das macht mich angreifbar, können es aus dieser Sicht eben doch meine Hirngespinste sein - schlussendlich habe ich sogar alles nur erfunden? Diese Verknotung der Realitäten wird sich nie auflösen lassen, trifft doch im Kopf jedes Menschen das gesamte Universum in einem Punkt zusammen. Jeder Mensch hat in sich nicht nur alle Arten von Lebensäusserungen seiner Spezies abrufbar, sondern auch die jeglicher Art von Lebensäusserung. Dies geht alles weit über meinen dürftig geschulten Verstand hinaus und zeitweise hasse ich mich für die Möglichkeit einer solchen Sicht. Wenn ich mich nun doch nach und nach dazu durchringe, meine Erlebnisse zu erzählen, dann hat das auch mit der nun folgenden schamanischen Reisegeschichte zu tun.

Ich lag bei meiner Weiher-Weide vom Wunsch erfüllt, über mich genaueres zu erfahren, als ich in die Lüfte emporgehoben wurde und mich von meinem Platz entfernte, solange, bis ich mich in der tiefen und unendlichen Ruhe des Weltalls leicht fröstelnd wiederfand. Um mich herum war von Anfang an stetige Bewegung, welche ich nicht erkennen konnte, aber am ehesten als eine Art hellpulsierende Nebelschwaden beschreiben kann. Im All wurde ich allein gelassen, den Dingen harrend. Mein Körper war ganz Ohr, doch ich hörte absolut nichts. Welche Beruhigung, welche Wohltat. Mein Geist ebnete sich und wurde flach wie Öl. Ich war die Weite des Alls und bemerkte das Leben. 
Da öffnete sich ein hellscheinendes Tor neben mir, welches gänzlich mit einem Wasserfilm überzogen war. Es sog mich auf. Nun befand ich mich in einer Kugel zusammen mit einem Stuhl und einem Kostüm mit Engelsflügeln, in einer Umziehgarderobe. Die Kugel selbst war aus den hellpulsierenden Nebelschwaden gebildet. Ich bemerkte, dass ich von aussen her von riesigen Wesenheiten beobachtet wurde. Das auffälligste an Ihnen waren die Gesichter, in deren Mitte storchenschnabelähnliche Verzerrungen herausragten. Ich erkannte, dass die Kugel, in welcher ich mich befand, aus ihren Körpern geformt war, dass sie selbst die Kugel bildeten. Da öffnete sich ein weiteres Tor, formgleich wie das erste. Ich ging hindurch und da war Licht. 
Die Wesen mit den Storchenschnäbeln kamen zu mir, sie pulsierten, die Schnäbel verschwanden. Jetzt hatten sie ein menschliches Antlitz und schlangenähnliche Körper. Wunderschön waren Ihre Flügel, die gar keine waren. Von der Form her am ehesten wie Schmetterlingsflügel, waren diese Flügel aber gar nicht greifbar und veränderten ihre Form in einem fort. Ich sah, dass sie nicht zwei Flügel hatten, sondern mindestens vier, wahrscheinlich sechs, vielleicht gar acht. Die Flügel bewegten sich um sie herum und waren nicht nur an ihren Seiten, wie wir dies bei Vögeln oder Schmetterlingen kennen. Die Wesen bewegten sich mit Hilfe dieser Flügel fort, flogen aber nicht. Sie hatten wie wir Menschen zwei Beinen und eine aufrechte Körperhaltung. Sie waren das Licht, welches ich sah und das Licht war die Wesen. Eine unauflösbare Einheit. Da führten sie mich zu einem Thron, der da abseitsstand. Es war ein mächtiges, schwer erscheinendes Möbel, etwas erhöht, am Rande des Lichts, schon halb im Weltenall.
«Das ist dein Thron», sagten sie. 
Ich lehnte ab: «Das kann doch nicht sein!»
«Siehst du, er ist verwaist. Da ist kein Licht, weil du ihn nicht ausfüllst», antworteten sie. 
«Du bist geboren, um zu erzählen. Erzähle, was du weisst. Wisse, dass du bist im Erzählen. Im Erzählen liegt Deine Kraft.» 
Ich stand vor dem Thron und sah. Da gab es kein Entrinnen. Erzählte ich nicht, so bliebe es dunkel und verlassen, hier und in der Alltagswelt. Ich hätte mich umsonst auf den Weg gemacht und mein Platz bliebe verwaist - hier und in der Alltagswelt. 
«Richtig!», sagten die Wesen. 
«Du fängst an, dich wieder zu erkennen. Erzähle! wie du es schon als Kind getan hast. Erzähle! damit es hell werde hier und in der Alltagswelt. Erzähle! und die Geschichten werden zu dir kommen, durch dich entstehen und sein».
Sie zogen sich langsam zurück, mich und den verblassenden Thron im dunkler werdenden All zurücklassend. 
Ich rief: «Wer seid ihr denn?» 
Sie drehten sich um, schauten zu mir zurück und sagten: «Wir sind Seraphim.»

Hart war die Landung im welken Gras unter meiner Weiher-Weide. Eine Amsel machte sich mit alarmierendem Gepfeife auf und davon und die ersten Regentropfen fielen mir ins Gesicht.
Und ich erwachte aus der Wachheit zu neuem Alltagsschlaf auf dem Fussboden meines Arbeitszimmers.

Lommis, Herbst 2001
von Rolanda Kongar 4. Februar 2026
Es war mir eine große Ehre, als mein langjähriger Freund und Förderer Adrian Osswald mich bat, ein Nachwort für sein Buch „Die Weisse Eule“ zu schreiben. Es geht darin um Menschen, die ich sehr respektiere und liebe. Über viele Jahre hinweg habe ich tuvinische Schamanen begleitet und für sie gedolmetscht. Meine besondere Vorliebe galt dabei Großvater Saryglar, der mich zu seinen Lebzeiten „ältere Tochter“ nannte. Über ihn habe ich auch Adrian Osswald kennengelernt, den Großvater seinen „jüngeren Sohn“ nannte. Als meine Mutter 1996 starb, wollte ich die Trauerfeier für sie gern auf traditionelle Art gestalten. In der Sowjetzeit war das untersagt gewesen, aber nun durften wir wieder unseren alten Traditionen folgen. Das war neu und ungewohnt für mich, und ich war auf der Suche nach Informationen über die alten Rituale. Jemand riet mir, mich an den Leiter der schamanischen Klinik in Tuva zu wenden. Als ich dort durch die Flure zum Zimmer des Klinikdirektors ging, sah ich durch eine offen stehende Tür einen alten Schamanen, der in einem der Räume saß. Sofort sagte mir mein Gefühl, dass es eben dieser Schamane sei, den ich für die Zeremonie brauchte und den sich meine verstorbene Mutter gewünscht hätte. Doch leider folgen wir manchmal nicht unserem Gefühl, sondern unserem Kopf. So trug ich mein Anliegen zuerst dem Leiter der Klinik vor. Das erste Ritual, das sieben Tage nach dem Tod eines Menschen durchgeführt wird, war ein Fehlschlag – vieles gestaltete sich nicht so, wie es sollte. Das zweite Ritual jedoch, neunundvierzig Tage nach dem Tod meiner Mutter, verlief anders: Es war rührend, inspirierend und manchmal sogar erschreckend. Wir Hinterbliebenen hatten das Gefühl, dass meine Mutter selbst zu uns sprach und Auf Wiedersehen sagte. Dieses zweite Ritual hatte Großvater Saryglar durchgeführt. Im selben Jahr 1996 wurden vier tuvinische Schamanen unter der Führung von Professor Kenin-Lopsan nach Österreich und in die Schweiz eingeladen. Einer der ausgewählten Schamanen war Saryglar Borbak-Ool Duktug- Oolowitsch. Ich begleitete die Gruppe als Dolmetscherin. Während dieser Reise lernte ich Saryglar nicht nur als einen großen Schamanen, sondern auch als eine außerordentlich sensible und freundliche Persönlichkeit kennen, stets einnehmend und zu Späßen aufgelegt. Bei dem Seminar in der Schweiz, bei dem ich hauptsächlich für Saryglar übersetzte, bemerkte ich einen jungen Mann, der immer etwas abseits der anderen Teilnehmer von Saryglars Gruppe stand, aber die ganze Zeit an unserer Seite blieb. Schließlich fiel Adrian auch Saryglar auf. Ich erinnere mich, dass er zu mir sagte: „Bring mir diesen Jungen. Ich sehe ihn mit schamanischen Geschenken.“ Das war der Anfang einer faszinierenden Beziehung zwischen einem tuvinischen Schamanen aus Sibirien und einem jungen Schweizer. Saryglar erkannte Adrian als seinen Schüler und Sohn an. Von diesem ergreifenden Moment an nannten Adrian und ich Saryglar unseren Großvater und waren auf diese Weise miteinander und mit ihm verbunden. Mit der Zeit wurden wir zu vertrauten Freunden und einer Familie. Vieles unterschied diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt lebten: ihr Alter, die Kultur, aus der sie stammten, der soziale Status. Und doch hatten sie so viel gemeinsam. Sie trafen sich nur dreimal von Angesicht zu Angesicht. Verbunden waren und sind sie vor allem durch ihre Fähigkeit, das Schicksal und den Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Obwohl sie sich nur drei Mal getroffen haben – in der Schweiz, in Deutschland und Tuva –, weiß ich sicher, dass sie sich sehr oft in ihren schamanischen Reisen und Träumen begegnet sind. Lange Jahre durfte ich als Bindeglied zwischen den Beiden dienen und gab mein Bestes als Übersetzerin. Adrian teilte mit Großvater und mir seine Zweifel, seine Erlebnisse, die Resultate der aufgetragenen Übungen und durchgeführten schamanischen Rituale. Großvater wiederum teilte mit Adrian und mir seine Erfahrungen und sein Wissen, seine Liebe und sein Mitgefühl für die Menschen. Für mich war das nicht immer einfach, denn oft wussten die Beiden die jeweiligen Antworten bereits, bevor ich diese per Telefon übermitteln konnte. In diesen langen Jahren entstand das Ritual „Die Weisse Eule“ und reifte in Adrian heran. Sicherlich wurde er dabei von verschiedenen Seiten beeinflusst, nicht zuletzt von Großvater. Aber im Tiefsten wurde dieses berührende und hilfreiche Ritual von den Geistern gegeben. Nach einer langen Zeit des Nachdenkens, der Zweifel, des Lernens und schließlich der Verbundenheit hat Adrian seine Aufgabe angenommen, dieses schamanische Ritual durchzuführen. Es freut mich, dass er die Geschichte der Entstehung des Rituals nun niedergeschrieben hat, und wünsche mir, dass es viele Menschen in ihrem Innern erreichen wird. Tuva, im Januar 2014 Rollanda Kongar (ehemalige Assistentin von Professor Mongush Kenin-Lopsan am Research Center for Shamanic Studies in Tuva) Auszug aus Die Weisse Eule Adrian Osswald Dieses Material ist urheberrechtlich geschützt. Das Buch ist beim Autor erhältlich
von Adrian Osswald 6. Januar 2026
Adrian ist ein Wanderer zwischen den Welten. Er hat mich als Seelenwesen vor ca. 20 Jahren erkannt und damit die Reise zu mir selbst initiiert. Wenn du glaubst, Adrian löst jedes Problem für dich, muss ich dir sagen, du liegst falsch. Ich denke, er weiss, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen darf. Er steht dabei hinter dir oder erscheint dir im Traum und behält dich im Blick, so dass du in deinem Tempo dein spirituelles Wachstum mit seiner Unterstützung beginnen kannst. Er gibt dir Werkzeuge an die Hand, damit du eigenmächtig wirst. Es kann schon mal vorkommen, dass du tiefe Täler durchschreitest oder gegen Dämonen kämpfst, dir deine innere Landkarte erstellen sollst oder ohne Fallschirm fliegen darfst. Adrian fängt dich da auf, wo es für dich nötig ist. Denn, wenn er ja zu dir sagt, dann kannst du seinem Wort vertrauen. Du wirst in ihm das sehen, was der Spiegel dir zeigt. Ob Eule, Schamane, Mensch, Farbe oder Drache. Er kann sich dir in vielen Gewändern zeigen, denn er ist wandelbar. Für mich ist Adrian der wichtigste Lehrer auf meinem Weg, denn als ich so sein wollte wie er, warf er mich auf mich selbst zurück und half mir dadurch, mich selbst zu finden. Was ich durch ihn erlebt habe, sei es Telepathie, Arbeit mit den Elementen oder Ortskräften, Rituale und das Erschaffen von Elementarwesen, ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Damals begegneten wir uns in der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Dort ist das alles eben Alltag. Danke dafür.