Hasengeschichte 1992

Adrian Osswald • 27. November 2024

Hasengeschichte 1992 

Es war noch vor meiner Zeit als schamanisch Praktizierender, als unser Zwerghase plötzlich seinen Kopf zur Seite hängen liess und sich nicht mehr aufrecht auf den Beinen halten konnte. Jeden Tag - es ging alles sehr schnell - wurde es schlimmer, so dass er bald immer auf seine Seite fiel, kaum hatte er sich aufgerappelt. Ich ging mit dem Hasen zum Tierarzt. Dieser kam zum Schluss, dass man das Tier einschläfern sollte. Er diagnostizierte eine unheilbare, tödlich verlaufende Nervenkrankheit. Auf meine Bitte, dass ich ihn doch nochmals nach Hause mitnehmen wollte, erwiderte der Arzt trocken, dass sich der Hase bei nächster Gelegenheit sein dem Boden zugewandtes Auge an einem Strohhalm ausstechen werde. Das sei wohl - eben auch gerade für Kinder - nicht eben ein schöner Anblick. Zudem leide der Hase, man sollte ihn erlösen. Ich insistierte durch eine plötzliche Eingebung und nahm ihn mit nach Hause, nachdem ihm der Tierarzt murrend noch eine Vitamin-B-Spritze injiziert hatte.

Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt einen Traumzirkel bei einem älteren Mann. Er beschäftigte sich schon sehr lange mit Traumdeutung. Einer meiner Grossträume - wie ich sie für mich insgeheim seit Jahren nannte - und die Auslegung der Bedeutung dieses Traumes durch eben diesen Mann war mir beim Tierarzt in den Sinn gekommen. Der Traumspezialist war klar der Meinung, dass ich einen Reinkarnationstraum gehabt und darin eine Initiation zum Schamanen erfahren hätte. Er war ganz beeindruckt. Er hat mir kurz erklärt, dass Schamanen sowas wie Geistheiler seien. Für mich eröffnete sich hier nun eine Gelegenheit, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, gewissermassen im privaten Rahmen zu überprüfen.

Zu Hause brachte ich meinem fünfjährigen Sohn erst einmal schonend bei, dass unser Zwerghase wohl sterben wird. Ich wolle jedoch versuchen, ihm durch Zuwendung zu helfen. 
Sachte schob ich dabei meine linke Hand unter den Körper des Zwerghasen und hielt meine rechte Hand wenige Zentimeter über ihn, so dass er nun zwischen meinen Händen lag. Ich sprach zu ihm, zu mir und zum Himmel. Ich war seltsam ruhig und gewiss, daran erinnere ich mich am stärksten. Ich bat darum, dass der Hase gesunden soll. Nach einer Weile bettete ich den Hasen wieder zurück auf seinen Platz, wo er zuvor gelegen hatte.

Am nächsten Morgen ging der Zwerghase umher, zwar noch immer mit schiefem Kopf, aber er ging und konnte sich aufrecht halten. Ich war erstaunt und doch auch nicht. Ich rief den Tierarzt an und der verlangte den Hasen zu sehen. 
«Da haben Sie Glück gehabt», meinte er. 
«Die Vitaminspritze muss wohl doch gewirkt haben», erwiderte ich. 
Er schaute mich einen kurzen Augenblick eigentümlich an. Dann sagte er:
«Wer weiss, bislang hat bei dieser Krankheit nichts geholfen - auch nicht hohe Dosierungen Vitamin B». 
Ich ging nach Hause und wusste nicht, was ich glauben sollte. Die Spritze wird es wohl doch gewesen sein, oder der Arzt hatte eine falsche Beurteilung am Vortag gemacht, was wusste ich. Und so schlug ich die Möglichkeit, ein Geistheiler zu sein, weiterhin aus. 

Der Hase aber lebte noch einige Jahre weiter. Inzwischen hatte ich damit angefangen, Schamanismus zu erlernen und zu praktizieren. Eines Abends, als ich nach Hause kam, lag er dann wieder in seinem Laufkäfig. Dies tue er schon seit dem Morgen, liess mich meine Frau wissen. Ich brachte ihm Wasser, welches er mühsam trank. Wieder nahm ich ihn zwischen meine Hände, sprach zu ihm, zu mir und dem Himmel. Plötzlich hatte ich die Gewissheit, dass er nun sterben würde. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, aber die mir bekannte Ruhe und Gewissheit war da. Der Hase hob seinen Kopf, schaute mich an, legte sich zurück und stiess seinen letzten Atem aus. So starb er, ganz ruhig und Jahre nach meiner ersten schamanischen Erfahrung mit ihm. Heute ist mein damaliges intuitives Wissen zur Gewissheit gereift, dass ich ihm in diesem Moment auch geholfen hatte. Ich hatte ihm geholfen, abzuschliessen und loszulassen. Und er hatte mir zum zweiten Mal die Gelegenheit geboten - unter Einsatz seines Lebens - schamanisch zu lernen. Er war ein guter Lehrmeister und dafür bin ich ihm dankbar.

Lommis, Sommer 1998

von Rolanda Kongar 4. Februar 2026
Es war mir eine große Ehre, als mein langjähriger Freund und Förderer Adrian Osswald mich bat, ein Nachwort für sein Buch „Die Weisse Eule“ zu schreiben. Es geht darin um Menschen, die ich sehr respektiere und liebe. Über viele Jahre hinweg habe ich tuvinische Schamanen begleitet und für sie gedolmetscht. Meine besondere Vorliebe galt dabei Großvater Saryglar, der mich zu seinen Lebzeiten „ältere Tochter“ nannte. Über ihn habe ich auch Adrian Osswald kennengelernt, den Großvater seinen „jüngeren Sohn“ nannte. Als meine Mutter 1996 starb, wollte ich die Trauerfeier für sie gern auf traditionelle Art gestalten. In der Sowjetzeit war das untersagt gewesen, aber nun durften wir wieder unseren alten Traditionen folgen. Das war neu und ungewohnt für mich, und ich war auf der Suche nach Informationen über die alten Rituale. Jemand riet mir, mich an den Leiter der schamanischen Klinik in Tuva zu wenden. Als ich dort durch die Flure zum Zimmer des Klinikdirektors ging, sah ich durch eine offen stehende Tür einen alten Schamanen, der in einem der Räume saß. Sofort sagte mir mein Gefühl, dass es eben dieser Schamane sei, den ich für die Zeremonie brauchte und den sich meine verstorbene Mutter gewünscht hätte. Doch leider folgen wir manchmal nicht unserem Gefühl, sondern unserem Kopf. So trug ich mein Anliegen zuerst dem Leiter der Klinik vor. Das erste Ritual, das sieben Tage nach dem Tod eines Menschen durchgeführt wird, war ein Fehlschlag – vieles gestaltete sich nicht so, wie es sollte. Das zweite Ritual jedoch, neunundvierzig Tage nach dem Tod meiner Mutter, verlief anders: Es war rührend, inspirierend und manchmal sogar erschreckend. Wir Hinterbliebenen hatten das Gefühl, dass meine Mutter selbst zu uns sprach und Auf Wiedersehen sagte. Dieses zweite Ritual hatte Großvater Saryglar durchgeführt. Im selben Jahr 1996 wurden vier tuvinische Schamanen unter der Führung von Professor Kenin-Lopsan nach Österreich und in die Schweiz eingeladen. Einer der ausgewählten Schamanen war Saryglar Borbak-Ool Duktug- Oolowitsch. Ich begleitete die Gruppe als Dolmetscherin. Während dieser Reise lernte ich Saryglar nicht nur als einen großen Schamanen, sondern auch als eine außerordentlich sensible und freundliche Persönlichkeit kennen, stets einnehmend und zu Späßen aufgelegt. Bei dem Seminar in der Schweiz, bei dem ich hauptsächlich für Saryglar übersetzte, bemerkte ich einen jungen Mann, der immer etwas abseits der anderen Teilnehmer von Saryglars Gruppe stand, aber die ganze Zeit an unserer Seite blieb. Schließlich fiel Adrian auch Saryglar auf. Ich erinnere mich, dass er zu mir sagte: „Bring mir diesen Jungen. Ich sehe ihn mit schamanischen Geschenken.“ Das war der Anfang einer faszinierenden Beziehung zwischen einem tuvinischen Schamanen aus Sibirien und einem jungen Schweizer. Saryglar erkannte Adrian als seinen Schüler und Sohn an. Von diesem ergreifenden Moment an nannten Adrian und ich Saryglar unseren Großvater und waren auf diese Weise miteinander und mit ihm verbunden. Mit der Zeit wurden wir zu vertrauten Freunden und einer Familie. Vieles unterschied diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt lebten: ihr Alter, die Kultur, aus der sie stammten, der soziale Status. Und doch hatten sie so viel gemeinsam. Sie trafen sich nur dreimal von Angesicht zu Angesicht. Verbunden waren und sind sie vor allem durch ihre Fähigkeit, das Schicksal und den Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Obwohl sie sich nur drei Mal getroffen haben – in der Schweiz, in Deutschland und Tuva –, weiß ich sicher, dass sie sich sehr oft in ihren schamanischen Reisen und Träumen begegnet sind. Lange Jahre durfte ich als Bindeglied zwischen den Beiden dienen und gab mein Bestes als Übersetzerin. Adrian teilte mit Großvater und mir seine Zweifel, seine Erlebnisse, die Resultate der aufgetragenen Übungen und durchgeführten schamanischen Rituale. Großvater wiederum teilte mit Adrian und mir seine Erfahrungen und sein Wissen, seine Liebe und sein Mitgefühl für die Menschen. Für mich war das nicht immer einfach, denn oft wussten die Beiden die jeweiligen Antworten bereits, bevor ich diese per Telefon übermitteln konnte. In diesen langen Jahren entstand das Ritual „Die Weisse Eule“ und reifte in Adrian heran. Sicherlich wurde er dabei von verschiedenen Seiten beeinflusst, nicht zuletzt von Großvater. Aber im Tiefsten wurde dieses berührende und hilfreiche Ritual von den Geistern gegeben. Nach einer langen Zeit des Nachdenkens, der Zweifel, des Lernens und schließlich der Verbundenheit hat Adrian seine Aufgabe angenommen, dieses schamanische Ritual durchzuführen. Es freut mich, dass er die Geschichte der Entstehung des Rituals nun niedergeschrieben hat, und wünsche mir, dass es viele Menschen in ihrem Innern erreichen wird. Tuva, im Januar 2014 Rollanda Kongar (ehemalige Assistentin von Professor Mongush Kenin-Lopsan am Research Center for Shamanic Studies in Tuva) Auszug aus Die Weisse Eule Adrian Osswald Dieses Material ist urheberrechtlich geschützt. Das Buch ist beim Autor erhältlich
von Adrian Osswald 6. Januar 2026
Adrian ist ein Wanderer zwischen den Welten. Er hat mich als Seelenwesen vor ca. 20 Jahren erkannt und damit die Reise zu mir selbst initiiert. Wenn du glaubst, Adrian löst jedes Problem für dich, muss ich dir sagen, du liegst falsch. Ich denke, er weiss, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen darf. Er steht dabei hinter dir oder erscheint dir im Traum und behält dich im Blick, so dass du in deinem Tempo dein spirituelles Wachstum mit seiner Unterstützung beginnen kannst. Er gibt dir Werkzeuge an die Hand, damit du eigenmächtig wirst. Es kann schon mal vorkommen, dass du tiefe Täler durchschreitest oder gegen Dämonen kämpfst, dir deine innere Landkarte erstellen sollst oder ohne Fallschirm fliegen darfst. Adrian fängt dich da auf, wo es für dich nötig ist. Denn, wenn er ja zu dir sagt, dann kannst du seinem Wort vertrauen. Du wirst in ihm das sehen, was der Spiegel dir zeigt. Ob Eule, Schamane, Mensch, Farbe oder Drache. Er kann sich dir in vielen Gewändern zeigen, denn er ist wandelbar. Für mich ist Adrian der wichtigste Lehrer auf meinem Weg, denn als ich so sein wollte wie er, warf er mich auf mich selbst zurück und half mir dadurch, mich selbst zu finden. Was ich durch ihn erlebt habe, sei es Telepathie, Arbeit mit den Elementen oder Ortskräften, Rituale und das Erschaffen von Elementarwesen, ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Damals begegneten wir uns in der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Dort ist das alles eben Alltag. Danke dafür.