Urdorf, im Frühjahr 1987

Adrian Osswald • 15. November 2024
Waldgeister
Mein letzter Holzschlag, ganz allein, der Förster kommt nur alle zwei bis drei Tage vorbei, um den Fortgang der Arbeit zu besichtigen und die geschlagenen Stämme einzumessen, zu qualifizieren und für den Verkauf vorzubereiten. Er ist wie üblich in diesen Tagen schlecht gelaunt, spricht kein Wort mit mir, ruft mich - wie die letzten Male auch - zu sich, um kurz und bündig zu sagen: «Du hast wieder vermessen, Sternchen nochmal!» Dann rauscht er ab, den Bann über mir lassend. 
Ich messe ungläubig nach, messe nochmals und nochmals, kontrolliere mein Messband auf Fehler. Es stimmt. Der Stamm ist wieder zu kurz abgesägt, obwohl ich vor dem Schnitt viermal gemessen habe, um ja nicht wieder falsch zu schneiden. Wieder mehrere hundert Franken Schaden angerichtet. Ich bin zerknirscht, verunsichert, wütend - aber auf wen? 
In diesem Holzschlag stehen Fichten auf einem leicht abfallenden Gelände. Ich soll sie hinunter Richtung Waldweg fällen, sie stehen bolzengerade, alles kein Problem. Doch acht der Bäume fallen 180 Grad nach hinten mitten in einen Lärchenjungwuchs, was natürlich beträchtlichen Schaden anrichtet. Die Waldbesitzer, der Förster, die helfenden Bauern, welche mit ihrem Traktor die gefällten Stämme aus dem Schlag ziehen; alle verstummen, sagen nichts mehr zur Katastrophe, welche sich da vor ihren Augen abspielt und jeden Tag zunimmt.
Eines Tages dann der erlösende Unfall. Der straff gespannte Seilzug an einer geradestehenden Fichte reisst, der Hebel des Zugapparates schlägt mir auf den Daumenballen. Dieser nimmt sofort die Grösse eines Tennisballs an. Fertig gearbeitet. Die anderen räumen noch auf, während ich krankgeschrieben bin. Ich schäme mich halb zu Tode, möchte am liebsten in den Boden versinken. Ich habe schlimmer als irgendein Nichtskönner gearbeitet.
Ein halbes Jahr später gelingt es mir, auch durch die Erfahrung mit einem Baum, mich mit zurück erhaltenem Gesicht aus dem Waldarbeiterberuf zu verabschieden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon den ersten Teil der mehrtägigen Zulassungsprüfung zur Försterschule in Lyss absolviert. Doch meine Rückenschmerzen sind übermächtig, ich kann nicht mehr. 
Bei diesem Baum, welcher ganz nahe am ehemaligen Holzschlag steht, handelt es sich um eine mächtige Buche. Vier Männer mit ausgestreckten Armen können sie gerade knapp umfassen. Die Krone ist riesig, ein Allerweltsbaum. Die anderen Profis und die Bauern wollen mich den nicht umtun lassen, weil sie ja von meinem Schandschlag wissen. Ich bestehe darauf, natürlich auch, um meine Ehre als Forstwart zu retten, aber auch deshalb, weil ich meine Angst, wieder zu versagen, überwinden will. 
Die Fällaktion ist äusserst knifflig, der Baum muss ums Eck gefällt werden, was höchste Konzentration und Wissen voraussetzt. Ich spreche mit dem Baum. Ich sage ihm, dass der, welcher mich hier ihn fällen lässt, mich eines Tages fällen wird. Ich sage ihm, dass es mir leid tut und bitte ihn, mir zu verzeihen. Ich bitte ihn, mir zu helfen, dass ich meine Angst überwinden und meine Ehre wieder herstellen kann. Der Baum hilft mir. Er fällt um die Ecke, macht dabei nichts kaputt, mit was niemand gerechnet hat. Er liegt auf den Zentimeter genau auf der Stelle, wohin er fallen sollte. Nicht nur ich bin sprachlos. Auch dieses Mal bleiben sie stumm, meine Profi-Kameraden. Der Spott bleibt ihnen im Halse stecken.
Trotz dieses Erfolges gelingt es mir danach dreizehn Jahre lang nicht, an diesen Ort zurückzukehren. Fast gleich lang kann ich darüber nicht einmal reden. Ich schäme mich zu sehr und zudem kann ich nicht erklären, was da abging. Doch heute weiss ich es, und darum gelingt es mir, zurückkehren.

In meiner Zeit als Forstwart wusste ich wenig von der Existenz von Waldgeistern, geschweige denn von Ortsgeistern. Als ich nun ein Ritual abhalte, um mich mit dem Ortsgeist zu versöhnen, spüre ich plötzlich eine starke Kraft um mich, welche sich am Ende des Rituals als Waldgeist zu erkennen geben wird. Er führt mich kreuz und quer durch die 13 Jahre alten Laubbäumchen, ein ziemliches Dickicht. Ich begreife: Ich streife die alte Geschichte ab. 
Plötzlich sind da viele kleine Baumgeister, welche begeistert klatschen. Doch ich verstehe erst, als mich der Waldgeist zu einem umgestürzten, in dem Dickicht liegenden Baum bringt. Da setzt er sich darauf, lacht und sagt: 
«Du hast die Arbeit des Windes gemacht, wenn auch ein paar Jahre zu früh! Wir danken Dir, denn schau die Jungschar an! Die Lärchen wachsen auch immer noch, trotz des Schadens, den es damals gegeben hat. Ich hatte dir übel zugesetzt! Nun hast auch du eine Jungmannschaft. Es ist doch schön, dass wir uns so wieder treffen! Alles hat sich zum Guten gewandt!» 
Darauf verschwindet er, das Dickicht rauscht im Wind und es ist mir, als ob ich die Baumkinder immer noch lachen und klatschen höre. Die haben mich tatsächlich als ihren Schöpfer gefeiert! Ich bin erschüttert.
Ich macht mich auf den Weg zurück zu meiner Familie und zu unserem Auto und höre die Kleinen schon von weitem streiten. Als ich unmittelbar neben meinem alten Holzschlag aus dem Dickicht trete, gelange ich auf eine grosse, leere Fläche. Beim genauen Betrachten kann ich erkennen, dass hier vor wenigen Jahren der Wind geholzt hatte. So wie es der Waldgeist gesagt hatte.
Nun, was soll ich da noch beifügen. Ich bin dankbar, dass mich die Bäume immer noch lehren.

Urdorf, im Frühjahr 2000

von Rolanda Kongar 4. Februar 2026
Es war mir eine große Ehre, als mein langjähriger Freund und Förderer Adrian Osswald mich bat, ein Nachwort für sein Buch „Die Weisse Eule“ zu schreiben. Es geht darin um Menschen, die ich sehr respektiere und liebe. Über viele Jahre hinweg habe ich tuvinische Schamanen begleitet und für sie gedolmetscht. Meine besondere Vorliebe galt dabei Großvater Saryglar, der mich zu seinen Lebzeiten „ältere Tochter“ nannte. Über ihn habe ich auch Adrian Osswald kennengelernt, den Großvater seinen „jüngeren Sohn“ nannte. Als meine Mutter 1996 starb, wollte ich die Trauerfeier für sie gern auf traditionelle Art gestalten. In der Sowjetzeit war das untersagt gewesen, aber nun durften wir wieder unseren alten Traditionen folgen. Das war neu und ungewohnt für mich, und ich war auf der Suche nach Informationen über die alten Rituale. Jemand riet mir, mich an den Leiter der schamanischen Klinik in Tuva zu wenden. Als ich dort durch die Flure zum Zimmer des Klinikdirektors ging, sah ich durch eine offen stehende Tür einen alten Schamanen, der in einem der Räume saß. Sofort sagte mir mein Gefühl, dass es eben dieser Schamane sei, den ich für die Zeremonie brauchte und den sich meine verstorbene Mutter gewünscht hätte. Doch leider folgen wir manchmal nicht unserem Gefühl, sondern unserem Kopf. So trug ich mein Anliegen zuerst dem Leiter der Klinik vor. Das erste Ritual, das sieben Tage nach dem Tod eines Menschen durchgeführt wird, war ein Fehlschlag – vieles gestaltete sich nicht so, wie es sollte. Das zweite Ritual jedoch, neunundvierzig Tage nach dem Tod meiner Mutter, verlief anders: Es war rührend, inspirierend und manchmal sogar erschreckend. Wir Hinterbliebenen hatten das Gefühl, dass meine Mutter selbst zu uns sprach und Auf Wiedersehen sagte. Dieses zweite Ritual hatte Großvater Saryglar durchgeführt. Im selben Jahr 1996 wurden vier tuvinische Schamanen unter der Führung von Professor Kenin-Lopsan nach Österreich und in die Schweiz eingeladen. Einer der ausgewählten Schamanen war Saryglar Borbak-Ool Duktug- Oolowitsch. Ich begleitete die Gruppe als Dolmetscherin. Während dieser Reise lernte ich Saryglar nicht nur als einen großen Schamanen, sondern auch als eine außerordentlich sensible und freundliche Persönlichkeit kennen, stets einnehmend und zu Späßen aufgelegt. Bei dem Seminar in der Schweiz, bei dem ich hauptsächlich für Saryglar übersetzte, bemerkte ich einen jungen Mann, der immer etwas abseits der anderen Teilnehmer von Saryglars Gruppe stand, aber die ganze Zeit an unserer Seite blieb. Schließlich fiel Adrian auch Saryglar auf. Ich erinnere mich, dass er zu mir sagte: „Bring mir diesen Jungen. Ich sehe ihn mit schamanischen Geschenken.“ Das war der Anfang einer faszinierenden Beziehung zwischen einem tuvinischen Schamanen aus Sibirien und einem jungen Schweizer. Saryglar erkannte Adrian als seinen Schüler und Sohn an. Von diesem ergreifenden Moment an nannten Adrian und ich Saryglar unseren Großvater und waren auf diese Weise miteinander und mit ihm verbunden. Mit der Zeit wurden wir zu vertrauten Freunden und einer Familie. Vieles unterschied diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt lebten: ihr Alter, die Kultur, aus der sie stammten, der soziale Status. Und doch hatten sie so viel gemeinsam. Sie trafen sich nur dreimal von Angesicht zu Angesicht. Verbunden waren und sind sie vor allem durch ihre Fähigkeit, das Schicksal und den Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Obwohl sie sich nur drei Mal getroffen haben – in der Schweiz, in Deutschland und Tuva –, weiß ich sicher, dass sie sich sehr oft in ihren schamanischen Reisen und Träumen begegnet sind. Lange Jahre durfte ich als Bindeglied zwischen den Beiden dienen und gab mein Bestes als Übersetzerin. Adrian teilte mit Großvater und mir seine Zweifel, seine Erlebnisse, die Resultate der aufgetragenen Übungen und durchgeführten schamanischen Rituale. Großvater wiederum teilte mit Adrian und mir seine Erfahrungen und sein Wissen, seine Liebe und sein Mitgefühl für die Menschen. Für mich war das nicht immer einfach, denn oft wussten die Beiden die jeweiligen Antworten bereits, bevor ich diese per Telefon übermitteln konnte. In diesen langen Jahren entstand das Ritual „Die Weisse Eule“ und reifte in Adrian heran. Sicherlich wurde er dabei von verschiedenen Seiten beeinflusst, nicht zuletzt von Großvater. Aber im Tiefsten wurde dieses berührende und hilfreiche Ritual von den Geistern gegeben. Nach einer langen Zeit des Nachdenkens, der Zweifel, des Lernens und schließlich der Verbundenheit hat Adrian seine Aufgabe angenommen, dieses schamanische Ritual durchzuführen. Es freut mich, dass er die Geschichte der Entstehung des Rituals nun niedergeschrieben hat, und wünsche mir, dass es viele Menschen in ihrem Innern erreichen wird. Tuva, im Januar 2014 Rollanda Kongar (ehemalige Assistentin von Professor Mongush Kenin-Lopsan am Research Center for Shamanic Studies in Tuva) Auszug aus Die Weisse Eule Adrian Osswald Dieses Material ist urheberrechtlich geschützt. Das Buch ist beim Autor erhältlich
von Adrian Osswald 6. Januar 2026
Adrian ist ein Wanderer zwischen den Welten. Er hat mich als Seelenwesen vor ca. 20 Jahren erkannt und damit die Reise zu mir selbst initiiert. Wenn du glaubst, Adrian löst jedes Problem für dich, muss ich dir sagen, du liegst falsch. Ich denke, er weiss, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen darf. Er steht dabei hinter dir oder erscheint dir im Traum und behält dich im Blick, so dass du in deinem Tempo dein spirituelles Wachstum mit seiner Unterstützung beginnen kannst. Er gibt dir Werkzeuge an die Hand, damit du eigenmächtig wirst. Es kann schon mal vorkommen, dass du tiefe Täler durchschreitest oder gegen Dämonen kämpfst, dir deine innere Landkarte erstellen sollst oder ohne Fallschirm fliegen darfst. Adrian fängt dich da auf, wo es für dich nötig ist. Denn, wenn er ja zu dir sagt, dann kannst du seinem Wort vertrauen. Du wirst in ihm das sehen, was der Spiegel dir zeigt. Ob Eule, Schamane, Mensch, Farbe oder Drache. Er kann sich dir in vielen Gewändern zeigen, denn er ist wandelbar. Für mich ist Adrian der wichtigste Lehrer auf meinem Weg, denn als ich so sein wollte wie er, warf er mich auf mich selbst zurück und half mir dadurch, mich selbst zu finden. Was ich durch ihn erlebt habe, sei es Telepathie, Arbeit mit den Elementen oder Ortskräften, Rituale und das Erschaffen von Elementarwesen, ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Damals begegneten wir uns in der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Dort ist das alles eben Alltag. Danke dafür.