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Zum Geleit

"Es ist gleichgültig, ob du dich äusserst oder nicht, dich zeigst oder nicht. Früher oder später wirst du sowieso 'angegriffen' werden". Verbündeter Steinbock, im Mai 2005  

© Adrian Osswald

Seid Kindesbeinen an mit einer Gabe bestraft, habe ich 1994 das Buch „Der Weg des Schamanen“ von dem US-amerikanischen Professor für Anthropologie Michael Harner in die Hand bekommen und realisiert, dass ich doch nicht spinne und dass das, was ich erlebe und tue, einen Namen hat. Weder glaube ich, dass ich durch diese (bei mir beschränkte) Gabe ein "besserer" Mensch bin (was ist das?), noch dass Schamanen "Heilige" oder "aufgestiegene Meister" - also zu jederzeit und in jeder Situation ethisch und moralisch einwandfrei Handelnde - sind. Schamanen und Schamaninnen sind meiner gewachsenen Überzeugung nach Menschen mit einer Gabe, das ist alles. Wie sie als Menschen sind, wie sie sich entwickeln und was sie tun, steht auf einem anderen Blatt. Schamanismus ist für mich ein Weg zu einem spirituellen Verständnis von sich selbst und der Welt, und es gibt auch andere.

Die letztlich für die Entstehung dieser A&O-Geschichten-Homepage entscheidende Frage stellte „Professor Skeps“ in seiner Email an mich in Juni 2005: „Warum kannst du nicht in aller Stille zu dem stehen, was du mit Saryglar erlebt hast?“.

Die Antwort ist so einfach, dass ich sie schon viele Jahre zuvor bei ähnlichen Fragen nicht wirklich verstand. Sie lautet: Weil ich ich bin. Und das bedeutet, dass ich vielleicht für den Einen oder die Andere gerade der Richtige bin, Schamanentum - diese faszinierende Möglichkeit menschlichen Bewusstseins und Seins - zu vermitteln. Ich werde interessierten Menschen nicht jede Frage beantworten können, weil es – wie in jedem Erfahrungswissens-Gebiet – atemberaubend viele Fragekomplexe gibt. Ich kann Interessierte hingegen ein Stück weit ihres eigenen Weges begleiten, einen Anstoss geben oder die Möglichkeit bieten, Anstoss an mir zu nehmen. Das ist nicht nichts, sondern Kern meiner eigenen Möglichkeit, etwas von dem weiter zu geben, was mir in meinem Leben wichtig geworden ist.

Meine Erzählungen sind ausschliesslich subjektiv und ich bemühe mich nicht im Mindesten darum, objektiv oder gar wissenschaftlich zu erscheinen. Der Grund dafür liegt nicht in einer Wissenschaftsfeindlichkeit meinerseits. Er liegt in der Einfachheit meines Erlebten, in den Qualitäten, die ich erfahren habe und die ich von Geburt an mitbringe. Wissenschaftlichkeit zählt nicht dazu. Ich habe keine universitäre Ausbildung und das entsprechende Argumentieren und Beweisen überlasse ich – auch auf dem Gebiet des Schamanentums – anderen, dazu besser Berufenen. Was ich zu berichten habe, ist also durchgehend und ausschliesslich persönlich gefärbt und die Geschichten, die ich erzählen werde, sind nie objektiv. Sie sind meine Sicht der Dinge, der Menschen, denen ich begegnet bin und der Begebenheiten, die ich erleben durfte. Es kann also alles ganz anders sein, wenn Sie sich selbst auf einem ähnlichen Weg befinden oder vorhaben, einen vergleichbaren Weg zu gehen. Es kann also alles ganz anders sein in Ihrem Erleben, wenn Sie sich durch meine Geschichten an vielleicht gemeinsam erlebte Begebenheiten oder bekannte Personen erinnert fühlen.

Vergeblich werden Sie hier auch nach Anleitungen schamanischer Techniken suchen, darüber finden Sie mittlerweile genug in einer Buchhandlung Ihrer Wahl oder im Internet.
Diese A&O-Geschichten-Seite wird Ihnen hingegen einen Einblick in den Weg des Lernens und Leidens eines Neo-, oder Plastik-, oder Stadtschamanen, eines schamanisch Praktizierenden oder wie auch immer man das bei uns gerne umschreiben mag und nennen will, bieten.
Die Bezeichnung, was ich denn nun tue und bin, ist ein Teil des Leidens auf meinem Weg. Im Jahre 2001 wurden mir meine diesbezüglichen Schwierigkeiten jedoch eindrücklich entrissen. Im Südsibirischen, zentralasiatischen Tuva wurde ich als Schamane eingestuft, gesehen und gerufen, ob mir das nun passte oder nicht. Grossvater Saryglar Borbak-Ool Duktuk-Oolowitsch, ein wunderbarer Mensch sowie grossartiger Schamane und Geschichtenerzähler, legte mir damals nahe, die Geschichten, meine Geschichten, zu erzählen, weiterzugeben, unter die Leute zu bringen. Er legte mir klar und deutlich nahe, meine Heilreise für ihn nicht für mich zu behalten sondern sie öffentlich zu erzählen. Er äusserte sich mehrmals darüber, dass er in Europa viele kraftvolle Schamaninnen und Schamanen getroffen hätte und wenn uns in Europa dieser Umstand bewusst wäre, dann bräuchten wir nicht nach Tuva zu kommen, um Heilung zu finden.

Wir leiden tatsächlich daran, unsere Schamanen und Schamaninnen nicht zu erkennen, obwohl ich meine, in dieser Hinsicht in den letzten Jahren eine Besserung festzustellen. Oft leiden aber auch unsere Schamanen und Schamaninnen daran, nicht zu erkennen, dass sie das sind, was sie sind. Mein Weg ist durch dieses Unvermögen gekennzeichnet. Vielleicht können meine Geschichten dem einen oder der anderen Lesenden helfen, seine oder ihre Erlebnisse aus der Sicht des neu entstehenden europäischen Schamanentums zu verstehen.

Grossvater Saryglar war weder der Erste noch der Einzige, welcher mich aufforderte, noch öffentlicher zu werden und zu berichten. Doch sind meine Erlebnisse mit ihm von zentraler Wichtigkeit in meinem Leben und im Akzeptieren meines Schamanentums. Ich bin damit nicht alleine und ich weiss von vielen Menschen, dass er für sie mindestens genau so wichtig war für ihre Entwicklung, wie für mich. Ich weiss, dass es unterschiedliche Erlebnisse mit ihm gegeben hat, so unterschiedlich eben, wie wir Menschen nun einmal sind.
Wenn ich sage, dass ich sein Schüler war, dann hat das keinen Exklusivitätsanspruch. Eine Schweizer Schamanin erzählte, dass Saryglar für sie der wichtigste Lehrer war. Er hatte ihr einen einzigen Satz gesagt: „Du bist eine Schamanin“.
Wenn ich sage, dass ich sein Adoptiv-Sohn bin, dann hat das keinen Exklusivitätsanspruch. Saryglar sprach schon sehr viel früher davon,  "dass er alle, die bei ihm lernten, als Söhne, Töchter und Enkel ansehe" und nicht erst, als ihn eine Reisegruppe der FSS im 2003 besuchte und diese Worte danach im Nachruf auf Saryglar in ihrer Zeitschrift veröffentlicht wurden.
Ich schreibe hier und jetzt über mein subjektives Erleben mit ihm, weil er für meinen Weg wichtig war und ist. Ich schreibe keine Biografie über ihn.

Neben menschlichen Wesen forderten mich meine Bekannten aus der Nichtalltäglichen Wirklichkeit, der Anderswelt, der Traumzeit auf, öffentlich zu berichten.

Diese A&O-Geschichten-Seite wird somit einzelne Begebenheiten aus meinem Leben beleuchten, welche für meinen schamanischen Weg wichtig waren. Dazu gehören auch Beschreibungen von Träumen, schamanischen Reisen, Visionen und Behandlungserfolgen. Diese Homepage selbst ist eine wichtige Begebenheit auf diesem meinem Weg, ein aufleuchtender, lichter Moment, den ich aber als schwer erlebe. Es fällt mir nicht leicht, diese Aufgabe zu übernehmen. Erleben ist jedoch immer persönlich gefärbt. Der Erlebens-Weg des Schamanen oder der Schamanin ist dies auch. Das ist der Grund, wieso ich meine Person ganz bewusst ins Zentrum dieser hier niedergeschriebenen Geschichten stelle, nicht zuletzt auch darum, weil ich mir selbst wichtig bin.

Professor Skep (von Skepsis) hingegen begleitet mich auf allen meinen Wegen seit frühester Kindheit, mir wird daher wohl auch zukünftig an ihm nicht mangeln. Sein Stecken und Stab vertröstet mich und er führt mich auf die grünen Auen des Wenig-Tuns. Dort verbringe ich nämlich meine Zeit mit kühlem, zweifelndem Abwägen und ungläubigen Seins, immer bereit, die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wirklichkeit und Wahrheit mannhaft in Frage zu stellen. Professors Einwände ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Geschichte und er erscheint mir und dir, liebe Leserin, lieber Leser, einmal als Äusserung irgendeines Mit-Menschen aus Fleisch und Blut (ich lege dabei keinen Wert auf wortwörtliche Widergabe!), ein andermal als das kleine Teufelchen in uns, das wir alle sehr wohl kennen.
Professor Skeps ist ein Phantom, erschaffen aus der Erkenntnis, dass alles wohl doch ganz anders sein kann, als es uns gerade so vorkommt. Er eignet sich besonders gut als Wächter gegen dummdreiste Einfach-die-Welt-erklären-wollen-Bewegungen und entsprechende Einzelmenschen. In den Tiefen ist er wohl dadurch entstanden, dass uns seit frühester Kindheit beigebracht wird, was „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ zu sein hat und wir normalerweise schon als Kind herausfinden, dass es eben doch Nuancen in diesen angeblich festen Normen gibt. In seiner hinderlichen Eigenart ist Professor der geschickte Gegenspieler und Spielverderber, ja Verhinderer unserer eigenen Entwicklung.

Ich denke, dass er auch sehr hilfreich oder hinderlich auf dem Weg westlicher Schamanen und Schamaninnen ist. Die eigene Skepsis – so erlebe ich es immer wieder – wird oft auf andere übertragen und das ist hinderlich für den eigenen Weg. Schamanen haben entsprechend dem eigenen Bild zu sein, müssen sich in bestimmten Normen bewegen, sonst sind sie unmöglich Schamanen. 
Positiv beurteilt sind das Suchbewegungen, die dem Individuum ermöglichen, sich selbst und sein Tun einzuordnen. Die eigene Skepsis auf andere zu übertragen kann aber auch als willkommene Gelegenheiten benutzt werden, sich zum Beispiel als „besser“ zu sehen als den Mit-Konkurrenten im boomenden Schamanenmarkt. Hinderliche Skepsis ist eine wunderbare Möglichkeit, etwas aus als hehr empfundenen Absichten heraus zu tun oder nicht zu tun. Wir nennen uns dann zum Beispiel bescheiden, demütig, ehrfürchtig und sind im innersten heilfroh, dass andere das nicht sind. Sonst könnten wir uns ja gar nicht als solches definieren. 
Richtig angewandt ist Skepsis hilfreich, weil sie uns Bodenhaftigkeit verleiht. Sie ermöglicht uns, uns selbst oder auch die eigenen Reaktionen auf andere Ansichten zu hinterfragen. Sie verhindert damit, dass wir auf unserem Weg abheben und weltfremd werden.

Nun wünsche ich gute Unterhaltung und gelungene An- und Abstösse durch meine Geschichten. Ich wünsche Ihnen Ihre Erkenntnisse und ein gutes Gehen auf Ihrem Lebensweg.

Herzgruss
Adrian Osswald, Juni 2007