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Rasendes Etwas - jäher Zorn

© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)

 
 
Der elfjährige Junge stand mit seinen zwei jüngeren Kumpels auf dem Hügel, den sie definitiv gegen uns verteidigt hatten. Sie verhöhnten uns, die wir unten standen und uns nicht hinauf getrauten. Ihre luftgetrockneten, steinharten Lehmgeschosse hatten uns schon zwei Mal die Flucht ergreifen lassen, nun riefen wir uns gegenseitig Schimpfwörter zu. Mein zwölfjähriger Bruder und unser eben so alter Nachbarsjunge waren unschlüssig und ich war bereit, aufzugeben. Die Höhle, die wir in den Seitenhang des Lehmhügels gegraben hatten, war in den Händen dieser Brut. Ich verabscheute die drei Jungs da oben für ihre Gemeinheit, doch akzeptierte ich die Situation: Sie hatten gewonnen. Insgeheim plante ich, an einem anderen Tag zurück zu kehren und die Höhle zu zerstören. Immer konnten sie unsere verlorene Höhle nicht bewachen.

Da drohte der elfjährige Anführer von oben, uns eine Latte mit einem rostigen Nagel um die Ohren zu schlagen, sollten wir uns noch einmal nach oben getrauen. Dabei reckte  er den mit dieser Waffe ausgestatteten rechten Arm schüttelnd in die Höhe und lachte hämisch. Er bedrohte uns mit einer illegalen Waffe um seinen Vorteil noch zu verfestigen! Das war in meinem Empfinden nicht gerecht, es war ein Bruch des Ehrenkodexes. Da war unvermittelt das Sausen in meinen Ohren, mein Blick verengte sich scheuklappenartig und erfasste nur noch dieses hämische Gesicht dort oben, dieses zur Fratze verzogene Magnet. Ich begann am ganzen Körper zu zittern und schon rannte ich los. Der Zorn hatte mich jäh gepackt. Die warnenden Rufe meiner ältern Begleiter ignorierend, raste ich schäumend den Hügel hoch. Den ehrlosen, gegnerischen Anführer vor mir, nahm ich seine Nagel-Waffe nicht mehr war und rannte furchtlos auf ihn zu, um ihn zur Raison zu bringen. Verblüfft starrten die drei gegnerischen Jungs auf das rasende Etwas, dass da ungestüm auf sie zu stürmte. Einen Moment verunsichert zwischen Flucht und Verteidigung wankend, entschieden sich die zwei Jüngeren für ihr Wohlergehen, drehten sich um und rannten davon. Ihr Anführer war einen kurzen Moment zu lang unschlüssig und hob die Latte zu spät: Mit voller Wucht prallte ich auf ihn und stiess ihn gleichzeitig mit meinen Armen von mir, so dass er nach hinten auf den Rücken stürzte und dabei seine Waffe verlor. In meiner Raserei überrannte ich ihn. Dann drehte ich mich einem wütenden Stier gleich um, um ihn erneut zu attackieren, doch er war bereits auf seinen Füssen und gab Fersengeld,  dem nahen, rettenden Wald entgegen.

Der Hügel war gegnerfrei, die Höhle für uns wieder zugänglich.

Inzwischen kamen auch mein drei Jahre älterer Bruder und unser Kumpel angerannt und mein Bruder schalt mich einen hirnlosen Affen. Langsam verlor sich das Rauschen in meinen Ohren und der Blick weitete sich; doch noch zitterten meine Hände, was mir etwas peinlich war. Aber schon bald vergass ich diese Regung ob meines Triumphes. Der Hügel war uns und das Unrecht getilgt!


Sommer 1972